Klara putzt und will Lutz sein
Text: Insecuritate
„Lutz“ sagt Klara zu Lutz,
der aufschaut und stutzt.
„Klara“ sagt Lutz stutzend
zu Klara, die putzend
um ihn herum die Möbel pflegt,
jetzt aber den Lappen beiseite legt
und sich zu ihm setzt, an den Tisch.
„Lutz“ sagt sie „wenn ich
wer sein könnt, wär ich gern du.“
Und Lutz fragt: „Wozu?“
„Ach Lutz“ sagt Klara und nimmt seine Hand,
„wär ich du, wär ich mit dir verwandt,
dir also ganz nah und
der Bund
wär ewig und durch nichts zu entzwein.
Wär ich du, könnt ich immer bei dir sein.
Ich wär gern du, denn du
hörst dir immer zu,
wenn du gehst,
nur mit dir und du verstehst
dich blind. Und stumm. Und taub.
Ich zerfiele mit dir zu Staub,
wär ich du und du wärst tot. Dann
müsste ich niemals fragen, wann
ich dir nachfolgen kann,
in den Himmel oder ins Paradies.
Schön wärs, du zu sein, weil ich wie du hieß
und aussäh wie du
und noch dazu
müsst ich, um dich anzusehen,
bloß vorm Spiegel stehen
oder in der U-Bahn in die Scheibe schauen.
Wär ich du, könnt ich dir endlos vertrauen,
denn du belügst dich selten, nur mal hier und dort
und wär ich du, wüsst ich’s ja sofort.
Ich hätte immer Lust auf Sex, wenn du auch Lust hast.
Ich hätte keinen Tag deines Lebens verpasst.
Ich hätte deinen Geschmack, würd all deine Träume teilen,
ich könnte dich rasieren, dir die Nägel feilen,
dich anziehen, dich ausziehen, wann immer ich will,
würdest du zu viel reden, wäre ich halt mal still,
ich würde immer mit dir lachen, immer mit dir weinen,
sehn mit deinen Augen, stehn auf deinen Beinen,
fassen mit deinen Fingern, fühlen mit deiner Haut,
wär leise, wenn du still wärst, würde schreien, wärst du laut,
wüsste immer, was du willst und was am besten für dich ist,
wär ich du, wärs nicht wahrscheinlich, dass du mich irgendwann vergisst,
und du könntest mich auch nie verlassen.
Das wär toll und nicht zu fassen,
so schön wär das.“
Stille.
„Lutz, nun sag doch was!“
fleht
Klara und Lutz steht
auf und geht.
Fast möchte Klara schon weinen.
Doch dann hört sie plötzlich seinen
unverwechselbaren Ton, den er macht,
wenn er lacht.
„Klara“, ruft er, „ich muss pissen
und ich glaub, du willst nicht wissen,
wie das aussieht, wie das ist,
wenn dein Liebster steht und pisst.“
Und er kichert und fragt dann:
“Klara, weißt du, was ich kann,
was ich nicht könnt, wärst du ich,
und was auch du ganz sicherlich
niemals könntest, wärst du ich -
also, wenn ich nicht ich wär, du nicht du
ständ uns eins gewiss nicht zu:
und zwar - Logik hab Erbarmen -
könnten wir uns nicht umarmen!“
Und dann schließt er die Tür der Toilette.
Kichern und Urin plätschern um die Wette.
Klara lauscht und ist ganz froh,
hier zu sein und nicht auf Klo,
denn jetzt weiß sie, Lutz hat Recht:
dass sie zwei sind, ist nicht schlecht.
Das macht Klara wieder heiter,
sie nimmt den Lappen und putzt weiter
Nadja Schlüter